4.
Sarah sparte sich die Mühe, höflich an die abgeschlossene Haustür zu klopfen. Damon Wilder war verletzt und zornig und sie konnte es ihm nicht wirklich vorwerfen. Sie selbst war fast so sehr verwirrt wie er. Zum Teufel mit alten Prophezeiungen, die es sich nicht nehmen ließen, einem das Leben zu verpfuschen. Wären sie einfach nur zwei Menschen gewesen, die einander zufällig begegnet waren, dann wäre alles in Ordnung gewesen. Aber nein, das Tor musste aufschwingen, um ihn willkommen zu heißen. Keiner von beiden war schuld daran, aber wie sollte sie Damon eine zweihundert Jahre alte Voraussage erklären? Wie konnte sie ihm sagen, dass ihre Familie Generationen von mächtigen Frauen als Vorfahren aufzuweisen hatte, Frauen, die ihre Macht aus dem Universum schöpften, von dem sie umgeben waren, und dass jahrhundertealte Prophezeiungen sich immer bewahrheiteten?
Sarah tat das Einzige, was eine Frau mit Selbstachtung in ihrer Situation mitten in der Nacht getan hätte. Sie griff zu ihren Spezialwerkzeugen und brach das Türschloss auf. Sie prägte sich ein, dass sie bei Gelegenheit eine anständige Alarmanlage in seinem Haus installieren und ihm eine Standpauke halten musste, damit er für die Übergangszeit wenigstens einen Riegel kaufte.
Als Kind hatte sie oft in diesem Haus gespielt, und daher war sie mit seinem Grundriss fast so gut vertraut wie mit dem ihres eigenen Hauses. Sarah bewegte sich rasch durch das Wohnzimmer. Sie sah nur sehr wenige Einrichtungsgegenstände, obwohl Damon schon vor gut einem Monat hier eingezogen war. An den Wänden hingen keine Bilder und nichts wies darauf hin, dass jemand hier zu Hause war und nicht nur vorübergehend sein Quartier hier aufgeschlagen hatte.
Damon lag auf seinem Bett und starrte die Decke an. Er hatte vor Wut gekocht, doch seine Furcht war zu groß und sein Zorn war verraucht. Sarah hätte sich beinah in einen Hinterhalt locken lassen. Selbst wenn man sie als Wachhund für ihn engagiert hatte, hätte es sie das Leben kosten können. Er durfte gar nicht daran denken. Sarah. Die geheimnisumwobene Sarah. Wie konnte er sich so schnell auf eine Frau fixieren, er, der doch sonst nur selten jemanden wahrnahm? Wenn er die Augen schloss, konnte er sie vor sich sehen. Etwas Sanftes ging von ihr aus, etwas Feminines, das ihn auf jeder Ebene ansprach. Wahrscheinlich hätte sie gelacht, wenn sie gewusst hätte, dass er ein abwegiges und doch rasendes Verlangen verspürte, sie zu beschützen.
Damon stieß einen weiteren leisen Fluch aus, denn er war nicht sicher, ob er sich dazu durchringen konnte, seine Sachen zu packen und wieder zu verschwinden. Wohin hätte er schon gehen können? Hier war für seine Begriffe das Ende der Welt, und doch war es ihnen irgendwie gelungen, ihn nach all diesen Monaten zu finden. In seiner Nähe würde niemand sicher sein.
»Liegst du immer im Dunkeln im Bett und schickst Flüche zur Decke?«, fragte Sarah leise. »Das könnte nämlich in einem späteren Stadium unserer Beziehung ein echtes Problem werden.«
Damon schlug die Augen auf und starrte sie an. Sarah. Leibhaftig. In seinem Schlafzimmer. Mit einem hautengen schwarzen Overall bekleidet, der jede ihrer weiblichen Kurven zur Geltung brachte. Ihm lief das Wasser im Mund zusammen und als Reaktion auf ihren Anblick erwachte jede Zelle seines Körpers zu neuem Leben. »Das passiert nur dann, wenn ich mich verraten fühle. Ich weiß selbst nicht genau, was es ist – im Grunde genommen eine Art Reflex, gegen den ich anscheinend nichts unternehmen kann.«
Sarah sah sich nach einem Stuhl um, fand keinen und stieß seine Beine zur Seite, damit sie sich auf sein Bett setzen konnte. »Verrat kann schmerzhaft sein. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich diese Erfahrung bisher noch nicht gemacht habe. Meine Schwestern decken mir sozusagen den Rücken.« Sie sah ihn mit der Leuchtkraft ihrer riesigen blauen Augen an. »Empfindest du es tatsächlich als Verrat, wenn deinen Freunden daran gelegen ist, dass dir nichts zustößt?«
Er konnte die Aufrichtigkeit aus ihrer Stimme heraushören. »Du verstehst das nicht.« Wie hätte sie es auch verstehen können? Wie hätte irgendjemand das verstehen können? »Sie hatten nicht das Recht, dich zu engagieren, Sarah. Ich habe meinen Job gekündigt und bin in den Ruhestand gegangen, um es kurz und bündig zu sagen. Ich habe nicht die Absicht, meine Arbeit jemals wieder aufzunehmen. Ich habe sämtliche Verbindungen abreißen lassen und den Kontakt zu allen Dienststellen abgebrochen, sowohl im militärischen als auch im privaten Bereich.«
»Du hast versucht, alle Menschen in deiner näheren Umgebung zu schützen. Deshalb bist du gegangen.« Das war die sachliche Darstellung eines Tatbestandes. Er hätte sie für verrückt gehalten, wenn sie ihm gesagt hätte, dass er das Mal des Todes trug. »Was ist passiert, Damon?«
»Haben sie dir etwa keine pralle Personalakte zu lesen gegeben, bevor sie dich hierher geschickt haben?«, fragte er barsch und bemühte sich, seine Wut auf sie nicht abflauen zu lassen.
Sarah wartete wortlos und das Schweigen zwischen ihnen zog sich in die Länge. Manchmal war Schweigen beredter als alle Worte. Damon war angespannt. Sein Körper lag regungslos neben ihr. Seine Finger hatten sich um die Steppdecke herum zur Faust geballt. Sarah legte ihre Hand behutsam auf seine.
Er hätte so gut wie allem widerstehen können, aber nicht dieser stummen Geste der Kameradschaft. Er drehte seine Hand um und verschlang seine Finger mit ihren. »Wir waren etwa fünf Straßen von unserem Arbeitsplatz entfernt, als sie uns überfallen haben. Dan Treadway war bei mir. Wir hatten vor, gemeinsam zu Abend zu essen und uns dann wieder an die Arbeit zu machen. Wir wollten beide unbedingt wissen, ob es uns gelingen würde, ein kleines Problem zu beheben, das sich bei dem Projekt ergeben hatte.« Er wählte seine Worte mit Sorgfalt. Er arbeitete zwar nicht mehr für die Regierung, aber seine Arbeit war für streng geheim erklärt worden.
»Sie haben uns beide nahezu bewusstlos geschlagen, bevor sie uns in den Kofferraum geworfen haben. Sie haben noch nicht einmal so getan, als wollten sie unser Geld. Dann sind sie zu einem Warenlager gefahren, einer alten Farbenfabrik, und haben von uns Informationen über ein Projekt verlangt, die wir ihnen nicht gefahrlos geben konnten.«
Sarah spürte, dass seine Hand, die sie immer noch umschlungen hielt, zitterte. Sie hatte den Krankenhausbericht gelesen. Beide Männer waren gefoltert worden. Sie wusste, dass Damons Rumpf die Narben von zahllosen Brandwunden aufwies. »Ich konnte ihnen nicht sagen, was sie wissen wollten, und der arme Dan hatte keine Ahnung, wovon überhaupt die Rede war.« Er presste sich die Fingerspitzen auf die Augen, als würde der Druck seinen Schmerz verdrängen. Er wollte der Erinnerung Einhalt gebieten, die er keinen Moment lang abstreifen konnte. »Er hat nie auch nur an dem Projekt mitgearbeitet, über das sie Informationen von uns haben wollten.«
Sarah wusste, dass sie Dan Treadway ins Knie geschossen und ihn mit einem zweiten Schuss in den Kopf getötet hatten. Damon war nicht bereit gewesen, geheime Informationen weiterzugeben, die möglicherweise den Tod etlicher Außendienstmitarbeiter zur Folge gehabt hätten. Und er hatte sich standhaft geweigert, das neueste Abwehrsystem preiszugeben. Damon hatte mit Farbverdünnern einen Brand verursacht und hätte die Halle beinah in die Luft gesprengt. Bei seinem Fluchtversuch war er zwischen einer Mauer des Warenlagers und dem Kühlergrill eines Wagens eingezwängt worden und seine Hüfte und sein Bein hatten schwere Verletzungen davongetragen.
»Ich will keine Freunde, Sarah. Kein Mensch kann es sich leisten, mit mir befreundet zu sein.«
Sarah wusste, dass er die Wahrheit sagte. Wenn sich der Tod an einen klammerte, ließ er sich nicht abschütteln und hielt stets nach Opfern Ausschau. Sie würde es ihm nicht sagen, aber oft fühlte sich der Tod betrogen. Wenn das der Fall war, forderte er ein Opfer und ließ sich erst besänftigen, nachdem es ihm gebracht worden war. »Wissen deine früheren Arbeitgeber, wer diese Leute sind?«, versuchte Sarah ihm auf die Sprünge zu helfen.
Sein Blick wirkte plötzlich gehetzt. »Darüber solltest du eigentlich besser informiert sein als ich. Feinde unseres Landes. Bezahlte Killer. Wen zum Teufel interessiert das schon? Sie waren derart versessen auf etwas, was mein Gehirn sich ausgedacht hat, dass sie einen Unschuldigen getötet haben, um an die Informationen zu kommen. Ich möchte mir nie wieder etwas einfallen lassen, wofür es sich lohnt, Morde zu begehen. So sieht es aus.«
»Hast du mit jemandem darüber gesprochen? Beispielsweise mit einem Arzt?«
Er lachte. »Ja, selbstverständlich. Dafür haben meine Auftraggeber gesorgt, vor allem nach meiner Ankündigung, dass ich mich zur Ruhe setze. Es gab noch ein paar unerledigte Angelegenheiten zu klären und sie wollten nicht, dass ich ausscheide. Das war mir allerdings ziemlich egal.« Damon wandte den Kopf ab. Er wirkte gereizt. Und grüblerisch. »Gehört es auch zu deinem Auftrag, mich zu überreden, dass ich die Arbeit wieder aufnehme?«
Sarah schüttelte den Kopf. »Ich sage anderen Leuten nicht, was sie tun sollen. Ich halte nichts von Vorschriften.« Ihre Lippen verzogen sich. »Also, das heißt«, sagte sie ausweichend, »ganz wahr ist das vermutlich nicht. Die einzige Ausnahme bilden meine Schwestern. Aber die erwarten von mir, dass ich sie herumkommandiere, weil ich die Älteste bin und ohnehin großes Geschick darin besitze, anderen Vorschriften zu machen.«
»Wolltest du denn hierher zurückkommen, Sarah?« Die Geräusche des Meeres waren besänftigend. Es klang tatsächlich so, als sei auch er nach Hause gekommen.
»Mehr als alles andere. Ich fühle jetzt schon seit einer ganzen Weile den Sog des Meeres und seine enorme Anziehungskraft. Ich habe immer gewusst, dass ich eines Tages nach Hause zurückkehren und mich hier niederlassen würde. Ich weiß nur noch nicht, wann ich es schaffen werde. Damon, dein Haus ist absolut ungesichert. Bist du schon mal auf den Gedanken gekommen, dass sie einfach hereinspazieren und dich wieder schnappen könnten?«
Damon bemühte sich, nicht zu viel in ihren besorgten Tonfall hineinzudeuten. Sich nicht einzubilden, es sei eine persönliche Angelegenheit. »Inzwischen sind Monate vergangen. Ich dachte, sie würden mich in Ruhe lassen.«
Sarah stieß einen leisen Pfiff aus. »Du lügst, ohne eine Miene zu verziehen, und dabei siehst du mir mit diesen Unschuldsaugen ins Gesicht. Das werde ich mir merken. Das fällt in dieselbe Kategorie wie die Flüche, die du zur Decke schickst. Du wolltest, dass sie dich verfolgen, stimmt's?« Das war eine scharfsinnige Vermutung. Sie kannte ihn noch nicht lange genug, um sich ein Urteil über seinen Charakter zu bilden. Aber sie hatte die Akte gründlich studiert und jedes einzelne Wort bekräftigte das Bild eines hartnäckigen, unerbittlichen Mannes, auf den zu jeder Zeit Verlass war und der sein Ziel niemals aus den Augen verlor.
»Würdest du dir das etwa nicht wünschen? Sie haben mich gezwungen, eine Wahl zwischen Informationen, die für unsere Nation von lebenswichtiger Bedeutung sind, und dem Leben meines Freundes zu treffen. Er hat mich angesehen, als sie ihn erschossen haben, Sarah. Ich werde nie vergessen, wie er mich angesehen hat.« Er rieb sich die pochenden Schläfen. Dieses Bild verfolgte ihn bis in seine Träume und riss ihn aus dem Tiefschlaf. Dann schreckte er mit klopfendem Herzen auf und die teilnahmslose Nacht schluckte seine Schreie.
»Wie sehen deine Pläne aus?«
Damon spürte, wie sich sein Magen zusammenschnürte. Ihr Tonfall klang äußerst interessiert. Sie setzte voraus, dass er einen konkreten Plan hatte. Nun ja, er galt als großer Denker. Von ihm erwartete man, dass er einen konkreten Plan hatte. Sein Plan hatte darin bestanden, seine Feinde anzulocken und sie unschädlich zu machen, erst mit seinem Stock, und dann würde er den Sheriff anrufen. Er bezweifelte jedoch, dass er Sarah damit beeindrucken konnte.
Sie seufzte. »Damon, sag mir wenigstens, dass du einen konkreten Plan hattest.«
»Bloß weil du übers Wasser gehen kannst, heißt das noch lange nicht, dass alle anderen es auch können«, murrte er.
»Wer hat dir erzählt, dass ich übers Wasser gehen kann?«, fragte Sarah ärgerlich. »Um Himmels willen, ich habe es doch nur ein einziges Mal getan und das war reine Angabe. All meine Schwestern können es auch.«
Er gaffte sie fassungslos an und seine Augen weiteten sich vor Schreck. Sie verzog keine Miene, doch das Lachen in ihren Augen verriet sie. Damon tat, was sich gehörte, und stieß sie vom Bett. Sarah landete auf dem Fußboden und lachte ansteckend.
»Das hattest du wirklich verdient«, sagte sie. »Ganz im Ernst. Übers Wasser gehen. Mal wieder was Neues. Wo hast du das denn aufgeschnappt? Und zu allem Überfluss hast du es auch noch geglaubt.«
Damon drehte sich auf die Seite und stützte sich auf seinen Ellbogen, um auf sie hinunterzublicken. »Ich habe das Gerücht selbst in Umlauf gesetzt. Im Lebensmittelgeschäft. Und jetzt habe ich einen Moment lang geglaubt, ich besäße tatsächlich hellseherische Kräfte.«
»Na, dann mal herzlichen Dank. Jetzt werden mich sämtliche Kinder bitten, dass ich es ihnen zeige. Wenn du das nächste Mal zu Besuch kommst, hetze ich die Hunde auf dich.«
»Was bringt dich auf den Gedanken, ich würde dich noch einmal besuchen?«, fragte er neugierig.
»Bisher habe ich dir noch nichts über das Konservierungsmittel in der Farbe erzählt. Und du bist ein beharrlicher Mann.« Sie lehnte ihren Kopf an sein Bett. »Hast du irgendwo Verwandte, Damon?«
»Ich bin ein Einzelkind. Meine Eltern sind schon Vorjahren gestorben, erst mein Vater und sechs Monate später meine Mutter. Sie waren verrückt aufeinander.«
»Wie seltsam es sein muss, allein aufzuwachsen. Ich hatte immer meine Schwestern und kann mir ein Leben ohne sie gar nicht vorstellen.«
Seine Finger machten sich aus eigenem Antrieb auf die Suche nach ihrer dichten Mähne. Sie hatte ihr Haar zu einem straffen Zopf geflochten, doch es gelang ihm, die seidigen Strähnen zwischen seinem Daumen und seinem Zeigefinger zu reiben. Wie zum Teufel stellte sie es an, derart seidiges Haar zu haben? Die geheimnisvolle Sarah. Er sah sie schon langst als seine Sarah an. »Magst du sie alle?«
Sarah lächelte im Dunkeln. Sie liebte ihre Schwestern. Das stand außer Frage, aber bisher war noch nie jemand auf den Gedanken gekommen, sie zu fragen, ob sie sie mochte. »Ja, sogar sehr, Damon. Du würdest sie auch mögen. Jede Einzelne von ihnen ist einzigartig und besitzt ihre ganz eigenen Gaben. Alle haben einen ausgeprägten Sinn für Humor. In unserem Haus wird viel gelacht.« Er zog an ihrem Haar. Es tat nicht weh, sondern war sogar ganz im Gegenteil ein angenehmes Gefühl, aber es führte dazu, dass in ihrem Bauch kleine Schmetterlingsflügel zu flattern begannen. »Was tust du da?«
»Meine Armbanduhr ist in deinem Zopf hängen geblieben und ich dachte mir, ich streife sie am besten ab, damit sie sich leichter lösen lässt«, antwortete er beiläufig. Das war glatt gelogen, aber das störte ihn überhaupt nicht, ebenso wenig wie das Wissen darum, dass sie ihn durchschaute. Jeder Vorwand wäre ihm recht gewesen, um zu sehen, wie ihr Haar in Kaskaden um ihr Gesicht fiel.
Sarah lachte leise. »Was willst du lösen? Meinen Zopf oder deine Armbanduhr?« Er war eindeutig dabei, ihr straff geflochtenes Haar zu öffnen. »Es hat mich zwanzig Minuten gekostet, diesen Zopf zu flechten. In diesen Dingen habe ich mich noch nie sonderlich geschickt angestellt.«
»Diese zwanzig Minuten waren vergeudet. Du hast wunderschönes Haar. Du hast es nicht nötig, dich in diesen Dingen geschickt anzustellen.«
Es war geradezu absurd, wie sehr sich Sarah darüber freute, dass es ihm aufgefallen war. Ihr Haar war ihr ganzer Stolz. »Danke.« Sie trommelte mit den Fingern auf ihr Knie und überlegte sich, wie sie ihn dazu bringen könnte, in ihre Pläne zu seinem Schutz einzuwilligen. »Damon, es ist wirklich wichtig, dass wir dein Haus besser absichern. Ich könnte dir eine gute Alarmanlage installieren. Ich werde den Sheriff verständigen, damit er weiß, dass wir ein Problem haben. Dann werden seine Leute vorübergehend einspringen.«
»Wir? Sarah, du musst dich so weit wie möglich von mir fernhalten.« Schon während er die Worte aussprach, gruben sich seine Hände in ihr üppiges Haar, ein unwiderstehlicher Drang, dem er sich nicht widersetzen konnte. Er wollte fühlen, wie diese seidige Mähne über seine Haut glitt.
»Ich dachte, du giltst als brillant, Damon. Habe ich nicht in deiner Akte gelesen, du seist einer der klügsten Männer auf dieser Erde? Es genügt doch schon, dass du Probleme mit dem Fluchen und diesen Haartick hast. Sag mir bitte, dass du nicht außerdem auch noch den idiotischen Hang hast, dich als Macho aufzuspielen. Wenn das der Fall ist, muss ich mich nämlich ernsthaft mit dieser Prophezeiung in Bezug auf das Tor auseinandersetzen. Mit deinen anderen Macken kann ich mich abfinden, aber Idiotie könnte meine Geduld überstrapazieren. «
Er zog an ihrem Haar, um sicherzugehen, dass sie ihm zuhörte. »Einer der klügsten Männer? Steht das etwa in dem Bericht? Ich sollte die Akte durchlesen und besonders unverfrorene Lügen ausmerzen. Ich bin sicher, dass ich der Klügste und nicht einer der Klügsten bin. Du brauchst mich nicht zu beleidigen, indem du vorgibst, in dem Bericht stünde etwas anderes. Und was hat es mit dem Tor und dieser Prophezeiung auf sich?«
Sie winkte ab. »Die Geschichte der Drakes werde ich dir wohl ein anderes Mal erzählen müssen, aber im Moment scheint es mir angezeigt, dass du mich darüber aufklärst, wie es bei dir um diese idiotische Macho-Macke bestellt ist«, beharrte sie. »Gescheite Männer neigen zu Arroganz, aber allzu blöd sollten sie trotzdem nicht sein. Ich bin Sicherheitsexpertin, Damon.«
Er seufzte laut. »Dann soll ich also all meinen Freunden erzählen, dass meine Damenbekanntschaft das Muskelpaket in unserer Zweierbeziehung ist.«
Haben wir denn eine Zweierbeziehung?« Sie legte den Kopf zurück, um ihn anzusehen. »Und überhaupt besäße der klügste Mann auf Erden doch bestimmt genug Selbstbewusstsein, um zu verkraften, dass seine Damenbekanntschaft sein Gorilla ist, Zweierbeziehung hin oder her.«
»Oh, ich bezweifle, dass irgendein Mann es verkraften würde, so schwer in seinem Stolz getroffen zu werden, Sarah. Wir müssen einen Experten hinzuziehen, der sich auf dieses Thema spezialisiert hat, und einen Berater konsultieren, bevor wir eine Entscheidung treffen. Und es schadet nie, eine zweite Meinung einzuholen, wenn uns die erste nicht in den Kram passt.«
Damon grinste mittlerweile über das ganze Gesicht. Das tat ja so gut! Sie hatte zwar sein Leben auf den Kopf gestellt und heillose Unordnung angerichtet, aber sie amüsierte ihn. Sie konnte ihn zum Lächeln bringen. Am liebsten hätte er laut gelacht. Und sie faszinierte ihn. Sie kehrte sein Innerstes nach außen. Und gab ihm einen Grund zu leben. Die schwere Last auf seinen Schultern und auf seiner Brust, die ihn niederdrückte, war für einen kurzen Moment von ihm genommen worden.
»In dem Punkt brauchst du dir keine Sorgen zu machen, Damon. Wir werden sechs sehr laute und langatmige Meinungen zu hören bekommen. Meine Schwestern werden zu diesem Thema mehr zu sagen haben, als du jemals hören wolltest. Das gilt übrigens auch für jedes andere Thema. Wir werden also keinen Berater hinzuziehen müssen. Sie alle werden unserer Bitte mit dem größten Vergnügen nachkommen und uns keinen Cent dafür in Rechnung stellen.«
Sarah warf einen Blick auf das Haus auf der Klippe. Sie sah aus dem Schlafzimmerfenster, vor dem die Gardinen geschlossen sein sollten, doch nun waren sie von einer unsichtbaren Hand zur Seite geschoben worden und ließen in der Mitte einen großen Spalt frei.
»Sarah.« Damons Stimme klang wehmütig.
Ihr Herz machte einen seltsamen kleinen Satz in ihrer Brust und sie drehte den Kopf um, weil sie ihn ansehen wollte. Ihre Blicke trafen mit unglaublichen Intensität aufeinander. In seinen Augen stand unverhohlene Gier. Und unbändiges Verlangen. Reines Begehren. Er streckte einen Arm nach ihr aus, packte ihr Genick und senkte seinen Kopf langsam zu ihr hinunter, bis sein Mund ihre Lippen verschloss. Sie verschmolzen schlicht und einfach und gingen ineinander auf.
Um sie herum hätten Feuerwerkskörper in die Luft gejagt werden können. Aber vielleicht waren es auch nur Sterne, die am Himmel auseinanderstoben und wie Edelsteine funkelten. Feuer raste über Sarahs Haut und breitete sich in ihrem Körper aus. Damon erhob Ansprüche auf sie. Er brannte ihr sein Mal ein. Und er machte seine Sache gründlich. Sie labten sich aneinander und verloren sich in glühendem Verlangen. Sein Mund war alles, was sie sich jemals gewünscht hatte - heiß und hungrig, forsch und fordernd.
So war sie noch nie geküsst worden. Sie hätte niemals geglaubt, dass es so sein würde. Am liebsten wäre sie die ganze Nacht bei ihm geblieben und hätte sich von ihm küssen lassen. Es gab nichts, was sie sich mehr wünschte.
Damon veränderte seine Haltung auf dem Bett und küsste sie noch leidenschaftlicher. Er verlagerte sein Gewicht, rollte über die Bettkante, landete neben ihr auf dem Fußboden und zog sie so heftig auf sich, dass sie der Länge nach auf ihn fiel. Augenblicklich umschlang er sie mit seinen Armen und presste sie an seine Brust.
Sarah konnte fühlen, wie das Lachen tief in seinem Innern aufzusteigen begann, und auch in ihr sprudelte Gelächter auf. Sie lagen da wie ein wüstes Knäuel von Gliedmaßen, die sich miteinander verheddert hatten, und lachten fröhlich. Sarah hob den Kopf, um Damon anzusehen und eine Fingerspitze über seinen wundervollen Mund gleiten zu lassen.
»Die reinste Magie, Damon. Genau das und nichts anderes verkörperst du. Passiert das jedes Mal, wenn du eine Frau küsse?«
»Ich küsse keine Frauen«, gestand er. Er war erschüttert bis ins Mark. Seine Finger schlangen sich in ihre üppige Mähne, das dichte, seidige Haar, in das er sein Gesicht gern gegraben hätte.
»Na, dann eben Männer, von mir aus. Sag, machst du das immer so? Ich finde es nämlich, offen gestanden, ganz erstaunlich. Du bist wirklich erstaunlich.«
Wieder sprudelte Gelächter in ihnen auf und riss sie mit sich. Damon half ihr dabei, sich aufzusetzen und sich mit dem Rücken an das Bett zu lehnen. Dann setzte er sich neben sie und beide sahen aus dem Fenster. Sie richteten ihre Blicke auf das Haus auf der Klippe.
»Ich hätte schwören können, dass ich diese Gardinen zugezogen habe«, bemerkte er.
»Wahrscheinlich hast du es auch getan«, gestand ihm Sarah zu und seufzte leise. »Das sind die Schwestern. Meine Schwestern. Es ist anzunehmen, dass sie uns beobachten. Hannah ist nach Hause gekommen, als ich gerade aus dem Haus gehen wollte, und Kate und Abigail sind etwa zu dem Zeitpunkt eingetroffen, als der Fahrer des Fluchtwagens auf mich geschossen hat. Du könntest ihnen zuwinken, wenn du dich dem gewachsen fühlst.«
»Wie können sie uns beobachten?«, fragte Damon interessiert.
»Durch das Fernrohr. Ich benutze es, um den Himmel zu beobachten«, sagte sie scheinheilig. »Und manchmal auch das Meer. Aber meine Schwestern sind dafür berüchtigt, dass sie sich geradezu rührend, wenn nicht schon krankhaft, für meine Angelegenheiten interessieren. Ich werde ihnen Manieren beibringen müssen.« Sie wedelte lässig mit der Hand und murmelte etwas vor sich hin. Den Wortlaut konnte er nicht aufschnappen, aber ihr Murmeln klang leicht und luftig und melodiös.
Schatten fielen ins Zimmer und bewegten sich. Die Gardinen bauschten sich sanft im Wind und nahmen ihnen den Blick auf die Mondsichel, deren schwacher Schein von dem tosenden Meer widergespiegelt wurde. Damon blinzelte und in eben diesem Sekundenbruchteil wurden die Gardinen vor dem Fenster energisch zugezogen.